„Wie sieht ein Neonazi aus?“ Solche und deutliche komplexere Fragen wie etwa die Frage danach, wie man als Jugendlicher in die rechte Szene rutscht, oder wie man mit Verantwortung und Schuld umgeht, versuchte der Aussteiger Manuel Bauer in seinem Vortrag etwa 260 Schülern am Valentin-Heider-Gymnasium zu beantworten.

Der rege Arbeitskreis „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ setzt in diesem Jahr den thematischen Schwerpunkt der von Schülern für Schüler organisierten Projekte darauf, im Wahljahr 2017 ein Zeichen gegen Rechtsextremismus zu setzen. Die Schüler konnten sich nicht nur in Wanderausstellung „Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen“ der Friedrich-Ebert-Stiftung über Inhalte, Symbole, rechtliche Hintergründe oder Rekrutierungsmechanismen informieren. In insgesamt zwei Workshops absolvierten die Jugendlichen auch ein „Argumentationstraining gegen rechts“. Abgerundet wurde das längerfristig angelegte Projekt schließlich vom Vortrag mit Manuel Bauer, früher selbst Gründer des rechtsextremen Schlägertrupps „Bund Arischer Kämpfer“. Über viele Jahre bildete Bauer selbst militante Rechte in so genannten „ideologischen Schulungen“, Schießübungen, aber auch Kampfsportarten aus, bis er sich 2003 dafür entschied, auszusteigen.

Besonders wichtig ist Bauer, die Bedeutung von Musik  herauszustellen: „Musik verbindet, man fühlt sich einer Gruppe zugehörig, es motiviert auch, „tätig“ zu werden und nicht zuletzt ist Musik ein wichtiger Wirtschaftszweig, auch in der rechten Szene,“ betont Bauer, der selbst zur Zeit der Wende 1989 auf dem Schulhof von Neonazis angeworben wurde. Bauer, ein ehemaliges führendes Mitglied der sächsischen Neonazi-Szene, rutschte immer weiter ab, bis er im Gefängnis von einem Mitarbeiter der Organisation Exit angesprochen wurde. Erst nach Jahren kritischer Reflexion und Infrage stellen der bisherigen Ideologie, wozu etwa das Verlassen der jeweiligen Gruppe oder der Verzicht auf Anwendung von Gewalt gehört, kann man laut Exit als „erfolgreicher“ Aussteiger bezeichnet werden. Und für genau diese Organisation ist Bauer als Aufklärer unterwegs. Bauer informiert in seinem Vortrag über Mechanismen innerhalb der rechten Szene wie die „ideologischen Schulungen“, die Arbeitsweise von Autonomen Nationalisten, aber auch unterschiedliche Stationen seiner eigenen Geschichte. „Ich habe mich dafür entschieden, über die Taten, die ich begangen habe, zu sprechen, um andere davon abzuhalten, auch in die rechte Szene abzurutschen“, meinte Bauer etwa auf die Frage, wie man damit umgeht, anderen Menschen und auch seiner eigenen Familie Gewalt angetan zu haben. Es sei wichtig, mit den Menschen im Gespräch zu bleiben, und sie darauf anzusprechen, wenn rechte Parolen oder Inhalte auftauchen. Dazu solle man rechte Inhalte in den sozialen Medien sofort melden und sich vor allem für jene Menschen engagieren, die Zielscheibe für rechte Parolen sind, wie etwa Menschen mit Behinderung oder Flüchtlinge, mit denen auch Bauer selbst in seinem aktuellen Wohnort ein Integrationsprojekt betreibt, bei dem aus Palletten Möbel gebaut werden. Wenn Bauer in Schulen spricht, ist die örtliche Polizei immer informiert, so auch in Lindau. Neben abgebrochenen sozialen Kontakten und der Frage nach der Reue muss Bauer mit unterschiedlichsten weiteren Konsequenzen aus seiner Zeit im rechten Untergrund leben. So wird er sein Bahnhofsbistro zum 1. Mai nun aufgeben, nachdem seine Mitarbeiter mehrfach von unterschiedlichen neonazistischen Verbänden bedroht wurden. Aber seinen Schritt, auszusteigen, habe er noch keine Sekunde bereut, so Bauer.

Im Anschluss an Bauers Vortrag am Valentin-Heider-Gymnasium gab es auch dazu viele Fragen und auch hitzige Diskussionen. „Aber genau das ist das Ziel des AK „Schule ohne Rassismus“, denn Demokratie lebt von Courage und Diskussion“, meint etwa die betreuende Verbindungslehrerin Michaela Kröll. „Es ist uns wichtig, in einer Zeit, in der rechtspopulistische Parteien bereits in 11 der 16 Landtage sitzen, die Sensibilität in Bezug auf rechtspopulistische und rechtsextreme Inhalte zu informieren und zu sensibilisieren“, bringt es die 18-jährige Abiturientin Jasmin auf den Punkt.